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Flottenplanung für ATOs auf 10 Jahre: Szenarien und Strategie

LuftfahrtFlugschuleATO

Die meisten Flugschulen treffen Flottenentscheidungen nach dem Prinzip „Gelegenheit“: Da taucht ein Flugzeug „zu einem guten Preis“ auf, ein Eigentümer will seine Maschine platzieren, oder man muss schnell das Flugzeug ersetzen, das seit Monaten in der Instandhaltung Ärger macht. Man kauft, lackiert, nimmt es in die Handbücher auf … und weiter geht’s.

Das Problem: Eine ATO arbeitet nicht auf Sicht von zwölf Monaten, sondern in langen Zyklen. Vom ersten Flug bis zum ATPL können 18 bis 36 Monate vergehen. Airline‑Kooperationen kommen und gehen. Regeln ändern sich. Instruktoren rotieren. Und Flugzeuge bleiben – wenn alles gut läuft – viele Jahre.

Wenn du deine Schule auf 10 Jahre denkst, ist die Frage nicht mehr „Welches Flugzeug kaufe ich jetzt?“, sondern etwas deutlich Unbequemeres (und Strategischeres):

Welche Flotte brauche ich, um 2035 relevant, profitabel und operativ zu sein – und welche Entscheidungen muss ich heute treffen, um dort anzukommen?

Eine 10‑Jahres‑Flottenplanung ist keine Kristallkugel. Es ist ein Systemdesign, das sich an drei Dinge anpassen kann, die garantiert in Bewegung sind: Nachfrage, Regulierung und Technologie.

Warum eine ATO in 10‑Jahres‑Horizonten denken muss (auch wenn die Kasse monatlich tickt)

Auf dem Papier ist eine Flugschule einfach: Flugzeuge, Instruktoren und Treibstoff rein – Piloten raus. In der Realität entsteht Marge an einer dünnen Grenze zwischen:

  • realen Kosten pro Flugstunde,
  • Preisen, die der Markt tatsächlich akzeptiert,
  • und der Fähigkeit, ernsthafte Ausbildung zu liefern, während alle „airline‑orientiert“ versprechen.

Wenn du nur 1–2 Jahre vorausplanst, landest du schnell in typischen Fehlern:

  • Flotte zu groß für die echte Nachfrage → fixe Kosten würgen dich ab.
  • Flotte zu alt → du verlierst Attraktivität gegenüber Schulen mit moderneren Cockpits.
  • Schlüssel‑Flugzeuge werden nicht rechtzeitig ersetzt → Kapazitätslücke, wenn die Nachfrage steigt.
  • Regulatorische Entwicklungen ignorieren (Avionik, Lärm, Nachhaltigkeit) → zu spät merken, dass die halbe Flotte nicht mehr passt.

Ein 10‑Jahres‑Plan ist kein perfektes Excel. Er zwingt dich, sauber zu definieren:

  • welche Piloten du ausbilden willst,
  • welche Produkte du verkaufst (modular, integriert, MCC, APS, UPRT …),
  • und welche Flottenmischung das mit Marge und einer stimmigen Positionierung ermöglicht.

Bevor du über Flugzeuge sprichst: Mission, Modell und Zielschüler klären

Die Flotte ist Mittel zum Zweck. Der häufigste Fehler ist, mit dem Flugzeug zu starten („Ich mag das Modell“, „das ist der Standard“, „guter Preis“) statt mit dem Schulmodell.

Unbequeme Fragen, bevor du Listings öffnest:

  • Bist du eine Airline‑orientierte ATO – oder eher eine Freizeit‑Schule mit Profi‑Track?
  • Ist dein Kerngeschäft der lokale Selbstzahler (PPL/ATPL), oder lebst du von Airline‑/Broker‑/Uni‑Deals?
  • Optimierst du auf Volumen (viel PPL, viele Stunden) oder auf höheren Wert pro Schüler (integrated, komplette modular, schlüsselfertig)?
  • Willst du „glass cockpit ab Tag 1“ erzählen – oder klassisch + Transition als Standard?

Aus dieser Vision folgen sehr konkrete Entscheidungen:

  • wie viele SEP‑Basisstunden du pro Jahr brauchst,
  • wie viele Stunden echtes Single‑Engine‑IFR du verkaufen kannst,
  • wie viele Multi‑Engine‑Stunden realistisch sind,
  • und welche Rolle Simulatoren spielen (keine Flugzeuge – aber sie verändern deinen Flottenbedarf direkt).

Nachfrageszenarien: keine Flotte nur für „das gute Jahr“ bauen

Ausbildungsnachfrage ist nicht linear. Es gibt Boom‑Jahre (Airline‑Deals, Euphorie) und Durststrecken. Nur auf den Peak zu planen, ist ein verlässlicher Weg zu abgestellten Flugzeugen.

Szenarien halten dich ehrlich. Drei Bilder reichen:

  • Konservatives Szenario: vorsichtige Schülerzahlen, realistische Lead‑Conversion, keine Wunder‑Partnerschaften.
  • Basis‑Szenario: plausibel mit deiner Vertriebs‑Kapazität, mit ein paar Kooperationen – aber nicht „der Deal des Lebens“.
  • Optimistisches Szenario: Rückenwind: Wetter, wenig Disruption, Deals halten.

Für jedes Szenario schätzt du:

  • Schüler je Kurs (PPL, CPL, IR, ME, integrated …),
  • Stundenverbrauch pro Phase,
  • gesamte Jahresstunden, die die Flotte liefern muss.

Das ist die Schlüsselzahl: Produktionsstunden – mit Puffer für Peaks, Wartung und Überraschungen.

Kurse in „Flugzeug‑Missionen“ übersetzen

Wenn klar ist, was du verkaufst, übersetzt du es in Missionen: welches Flugzeug macht welchen Job.

Vereinfacht kann eine ATO Missionen so bündeln:

  • VFR‑Grundausbildung: PPL/LAPL, hour building, night VFR. Hier dominieren SEP‑Trainer.
  • Single‑Engine‑IFR: IR/SE, modulare ATPL‑Phasen, Navigation. Dafür brauchst du IFR‑fähige Flugzeuge – nicht nur „IFR‑Panel“.
  • Multi‑Engine: ME/IR und fortgeschrittene Phasen. Erfordert IFR‑fähige Twins mit sinnvoller Avionik.
  • Advanced / airline‑orientiert: UPRT, MCC, APS MCC. Hier zählt der Simulator oft mehr als die reale Flotte.

Jede Mission hat andere Anforderungen:

  • Jahresauslastung (PPL‑Arbeitstier vs. Twin mit 250 h/Jahr),
  • Ausrüstungsniveau (IFR ernsthaft heißt nicht „1980‑Standard“),
  • Image‑Sensibilität (das „Foto‑Flugzeug“ darf moderner sein).

Flotte dimensionieren: Stunden pro Flugzeug, Verfügbarkeit und Wartungsrealität

In Folien ist alles linear. Im Betrieb ist die Flotte nie 100% verfügbar. Für eine robuste Dimensionierung arbeitest du mit:

  • Vernünftigen Max‑Stunden pro Flugzeug und Jahr:
    • Ein gut geführter SEP schafft 700–900 h/Jahr.
    • Ein MEP eher 300–500 h/Jahr, je nach Typ und Nutzung.
  • Downtime‑Anteil:
    • planmäßige Wartung,
    • ungeplante Defekte,
    • Teile‑Lieferzeiten und „Unvorhergesehenes“.

Wenn dein Basis‑Szenario z. B. verlangt:

  • 3.500 h/Jahr SEP VFR
  • 1.800 h/Jahr SEP IFR
  • 600 h/Jahr MEP

dann reichen grobe Rechnungen:

  • SEP VFR à 800 h/Jahr → 4–5 Flugzeuge für Komfort.
  • SEP IFR à 700 h/Jahr → 3 Flugzeuge mit Puffer.
  • MEP à 400 h/Jahr → 2 Twins sind „safe enough“.

Ziel ist nicht Millimeter‑Genauigkeit, sondern die Extreme zu vermeiden: zu wenig Flugzeuge (überlastet) oder zu viele (unterausgelastet, hohe Fixkosten).

Setz dir außerdem Erneuerungs‑Meilensteine:

  • ab welchen Stunden/Alter du Ersatz planst,
  • und wie du das staffelst, damit nicht die halbe Flotte gleichzeitig fällig wird.

Homogene vs. diverse Flotte: Standardisierung gegen Flexibilität

Eine homogene Flotte hat klare Vorteile:

  • standardisierte SOPs/Handbücher/Training,
  • weniger Wartungs‑ und Ersatzteil‑Komplexität,
  • einfachere Instruktor‑Standardisierung,
  • „aufgeräumtes“ Außenbild.

Eine gut geplante diverse Flotte bringt Flexibilität:

  • verschiedene Produkte (günstiger SEP für PPL, „Premium“‑SEP für IR/ATPL),
  • weniger Abhängigkeit von einem Typ (harte AD = nicht alles steht),
  • kontrolliertes Testen neuer Technologie, ohne All‑in zu gehen.

Nach 10 Jahren ist die Frage oft nicht „eins oder viele“, sondern:

  • wo du hart standardisierst (Basis‑SEP),
  • und wo Vielfalt echten Mehrwert liefert (Advanced IFR/ME, Glass‑Transition).

Vermeiden solltest du die Frankenstein‑Flotte: von allem eins, jedes Cockpit anders.

Technologie, Nachhaltigkeit und Story: welche Flotte du der Welt erzählst

In den nächsten 10 Jahren ist plausibel:

  • mehr Druck bei Lärm/Emissionen,
  • mehr Nachfrage nach moderner Avionik,
  • langsame, aber echte Transition zu effizienteren Lösungen (moderne Motoren, elektrisch/hybrid für Platzrunden etc.).

Du musst nicht alles austauschen. Aber du solltest entscheiden:

  • welcher Anteil deiner Flotte in 5/7/10 Jahren Glass‑Cockpit sein soll,
  • ob/ wann ein elektrisches Schulflugzeug Sinn ergibt,
  • wie du neue Simulator‑Generationen (FNPT II, MCC, VR) integrierst, um Flugstunden zu reduzieren, ohne Qualität zu verlieren.

Finanzierung und Eigentum: kaufen, leasen oder hybrid

Es geht nicht nur um „welche Flugzeuge“, sondern auch um „wie bezahlt“ und „wem gehört’s“.

Klassische Optionen:

  • Voll‑Eigentum: maximale Kontrolle, aber auch Restwert‑, Defekt‑ und Obsoleszenz‑Risiko.
  • Leasing / Miete: weniger CAPEX, geordnetere Rotation, aber Vertragsbedingungen und ggf. höherer Langfrist‑Preis.
  • Owner‑Agreements: weniger direkte Investition, dafür mehr Vertrags‑, Betriebs‑ und Image‑Komplexität.

Auf 10 Jahre ist eine Mischstrategie oft sinnvoll:

  • Eigentum im „Core“ (Basis‑SEP),
  • Leasing/Use‑Agreements für Spezial‑Flugzeuge oder Tech‑Risiko,
  • Plan zur Rotation alter Zellen ohne operative Löcher.

Und im Modell: nicht nur Stunden und Anzahl tracken, sondern Finanzierungsform je Block und Cash‑Impact.

Risiken, die in den Flottenszenarien explizit vorkommen sollten

Neben Nachfrage gehören diese Risiken ins Modell:

  • Regulatorik: Avionik‑Mandate, Umwelt/Lärm, Ausbildungs‑Regeln.
  • Treibstoff & OPEX: AVGAS/Jet‑A‑Schocks, 100LL‑Restriktionen, alternative Motoren/Fuels.
  • Konzentration: zu viel Abhängigkeit von einem Typ; harte AD = Grounding.
  • Instruktor‑Rotation: zu komplexe Flotte macht dich unattraktiv.

„Was‑wäre‑wenn“-Fragen helfen:

  • „Wenn eine AD einen Schlüssel‑Typ monatelang stilllegt – was ist Plan B?“
  • „Wenn Fuel 30% steigt und ich es nicht durchpreise – welcher Flottenblock kippt zuerst?“

Flotten‑KPIs, wenn du wirklich 10 Jahre denken willst

Was du nicht misst, steuerst du nicht. Ein paar KPIs reichen oft:

  • Jahresauslastung je Flugzeug: h/Jahr vs. Ziel.
  • Technische Ausfälle/Cancelations: verlorene Stunden durch Defekte, Wartung, Teile.
  • Echte Kosten pro Stunde je Typ: nicht nur Fuel – Wartung, Versicherung, Hangar, Abschreibung.
  • Schüler‑Wahrnehmung: simples Feedback (fühlt es sich „airline“ oder „aeroclub“ an? was wählen sie, wenn sie können?).

Über Jahre getrackt, kannst du den 10‑Jahres‑Plan nachjustieren, ohne blind zu fliegen.

Abschluss

10‑Jahres‑Flottenplanung heißt nicht, heute jede Anschaffung der nächsten Dekade zu fixieren. Es heißt, einen Pfad zu bauen: welche Schule du sein willst, welche Missionen du abdecken musst, wie du Stunden auf Flugzeugfamilien verteilst, wie stark du standardisierst, welche Rolle Simulatoren spielen und welche Risiken du bei Technologie, Finanzierung und Regulierung akzeptierst.

Wenn du das so angehst, wird jede Kauf‑/Verkaufs‑/Leasing‑Entscheidung weniger „Glück“ – und mehr Teil einer kohärenten Strategie. Und genau das trennt am Ende Schulen, die unter ihrer Flotte leiden, von Schulen, die sie als echten Wettbewerbshebel nutzen.